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Große Energieexporteure wetteifern um die Führung im globalen Wasserstoffhandel – Weltweiter Wasserstoffbedarf könnte bis 2050 um das Sechsfache auf 530 Mio. t steigen

Die Zeit ist reif für die wichtigsten Energieexporteure der Welt, die Energiewende zu beschleunigen. Die Beherrschung des Wasserstoffhandels könnte dabei nach Informationen der Wood Mackenzie Ltd., Edinburgh, einem Unternehmen der Verisk Analytics, Inc., Jersey City, den Unterschied ausmachen.

Der globale Energiemarkt hatte im Jahr 2020 einen Wert von 2 Bill. Dollar und trug zum Ausstoß von mehr als 9 Mrd. t CO2e bei. Im selben Jahr produzierten die fünf größten Energieexporteure – Saudi-Arabien, Russland, Australien, die Vereinigten Staaten von Amerika und Indonesien – mehr als die Hälfte der gesamten gehandelten Energie.

Der weltweite Energiehandel steht aus Sicht von Prakash Sharma, Forschungsdirektor der Wood Mackenzie, vor der größten Störung seit den 1970er Jahren und dem Aufstieg der OPEC. Zusätzlich zu den Investitionen in erneuerbare Energien, um die Emissionen zu senken und die Energiesicherheit zu erhöhen, suchen Länder und Industrien jetzt nach strombasierten Kraftstoffen und Rohstoffen – Wasserstoff könnte dabei der Wendepunkt sein. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist das große Potenzial von Wasserstoff auf den Märkten für gehandelte Energie. Kohlenstoffarmer Wasserstoff und seine Derivate könnten in einer Netto-Null-Welt 2050 rund ein Drittel des Energiehandels auf dem Seeweg ausmachen.

Die Wood Mackenzie prognostiziert, dass sich die weltweite Nachfrage nach Wasserstoff bis 2050 im Rahmen ihrer Szenarien Energy Transition Outlook und Accelerated Energy Transition (AET) zwischen dem Zwei- und dem Sechsfachen erhöhen wird. Im AET-1,5-Szenario (1,5 °C Erwärmung) erreicht die Nachfrage nach kohlenstoffarmem Wasserstoff bis 2050 bis zu 530 Mio. t, von denen nahezu 150 Mio. t auf dem Seeverkehrsmarkt gehandelt werden.

Die Nachfrage nach kohlenstoffarmen Wasserstoffimporten aus Nordostasien und Europa könnte 55 %, entsprechend rund 80 Mio. t, des seewärtigen Wasserstoffhandels, beziehungsweise 16 %, entsprechend rund 23 Mio. t, des gesamten seewärtigen Energiehandels ausmachen.

Mehrere Länder hoffen, von der Entwicklung exportorientierter Wasserstoff-Megaprojekte zu profitieren, wobei Projekte für „blauen“ und „grünen“ Wasserstoff in Russland, Kanada, Australien und dem Nahen Osten entwickelt werden. Im aufstrebenden Bereich des „grünen“ Wasserstoffs sind nahezu 60 % der vorgeschlagenen Exportprojekte im Nahen Osten und in Australien angesiedelt und zielen insbesondere auf Märkte in Europa und Nordostasien ab. Allein in den letzten zwölf Monaten ist die Zahl der angekündigten „grünen“ Wasserstoffprojekte um das 50-fache gestiegen.

Projektentwickler, Kreditgeber und Käufer werden von Standorten angezogen, die nachweislich natürliche Ressourcen exportieren, geeignete Bedingungen für kostengünstigen Strom aus erneuerbaren Energien bieten und das Potenzial für eine groß angelegte CO2-Abscheidung haben.

Saudi-Arabien, Brasilien, Chile, der Oman und Kasachstan haben alle Megaprojekte für den Exportmarkt angekündigt, während andere Länder wie Russland und Kanada über große, kostengünstige Gasvorkommen und hohe Kapazitäten zur CO2-Abscheidung und -speicherung (CCS) verfügen.

Nach Aussage von Gavin Thompson, stellvertretender Vorsitzender der Wood Mackenzie, sehen keine zwei Wasserstoffexportprojekte gleich aus, aber der offensichtlichste Unterschied bei den vorgeschlagenen Projekten ist der zwischen „blauem“ und „grünem“ Wasserstoff. Dies als „Entweder-Oder-Entscheidung“ darzustellen, ist für ihn jedoch eine zu starke Vereinfachung.

Sowohl „blauer“ als auch „grüner“ Wasserstoff spielen eine wichtige Rolle

Während die aktuellen Kosten für die Produktion von „grünem“ Wasserstoff in der Regel mehr als dreimal so hoch sind wie die von „blauem“ Wasserstoff, wird erwartet, dass die Kosten für „grünen“ Wasserstoff mit der Verbesserung der Elektrolyseur-Herstellungstechnologie und dem Rückgang der Kosten für erneuerbare Energien sinken werden. Der erwartete Kostenrückgang wird eine längerfristige Umstellung von „blauem“ auf „grünen“ Wasserstoff unterstützen. Allerdings hat jeder Markt seine eigenen Regeln, und der Kostenrückgang wird nicht einheitlich sein.

Die Realität ist laut G. Thompson, dass die Welt beides braucht, um das erforderliche Tempo der globalen Dekarbonisierung zu erreichen. Die Produktion von „blauem“ Wasserstoff hat aktuell einen Skalierungsvorteil gegenüber „grünem“ Wasserstoff und kann bereits in den erforderlichen Mengen entwickelt werden, auch wenn die Vorlaufzeiten länger sind.

Die meisten vorgeschlagenen Projekte sind eine Kombination aus beidem. Ein Exporteur von „blauem“ Wasserstoff in Australien oder im Nahen Osten kann sich beispielsweise eine Marktposition aufbauen und parallel auf „grünen“ Wasserstoff umsteigen, wenn die Kosten mit der Zeit sinken und Kapazitäten verfügbar werden. Mit der zunehmenden Wettbewerbsfähigkeit von „grünem“ Wasserstoff, können die Hersteller ihre Lieferketten für kohlenstoffarmen Wasserstoff ausbauen.

Neuer Markt bietet neue Chancen für Marktteilnehmer

Anbieter mit Zugang zu großen, kostengünstigen Gasressourcen sowie CCS haben einen natürlichen Vorteil für den Export von „blauem“ Wasserstoff. Regionen wie der Nahe Osten, Russland und die Vereinigten Staaten mit wettbewerbsfähigen Onshore-Bohrkosten scheinen die besten Möglichkeiten zu haben, eine interregionale Exportposition aufzubauen. Länder, die in der Lage sind, die bestehende Ammoniak-Infrastruktur zu nutzen, werden ebenfalls vorn dabei sein.

Ebenso wird der Zugang zu kostengünstigen erneuerbaren Energien für Anbieter zur Produktion von „grünem“ Wasserstoff den Ausschlag geben. Auf Grundlage der von der Wood Mackenzie durchgeführten Analyse der künftigen Kosten liegen Australien und der Nahe Osten in Bezug auf die Sonneneinstrahlung in der Spitzengruppe und bieten ein sehr großes Potenzial für „grünen“ Wasserstoff. Da die Umwandlungs- und Transportkosten bis zu zwei Drittel der Lieferkosten im interregionalen Wasserstoffhandel auf dem Seeweg ausmachen, wird auch die Marktnähe eine wichtige Rolle spielen. Bei der Belieferung Nordostasiens beispielsweise scheinen Anbieter in Australien die Nase vorn zu haben.

Nach Angaben von P. Sharma hebt sich Australien insbesondere durch seine Erfolgsbilanz beim Export einer Vielzahl von natürlichen Ressourcen und Mineralien, durch seine flächenmäßige Größe, seine Solar- und Windressourcen und sein sehr großes Potenzial für CCS von der Masse ab. Für Australien – und auch für andere große Exporteure – wird die Möglichkeit, „grünen“ Wasserstoff zu produzieren, dazu beitragen, sein Energieexportportfolio umzugestalten und es an die sich ändernden Bedürfnisse seiner Handelspartner anzupassen. Und wie bei Australiens Kohle-, Eisenerz- und LNG-Industrie in der Vergangenheit scheinen Käufer in ganz Asien bereit zu sein, zu investieren und die Entwicklung zu unterstützen.

Nach Meinung des Forschungsdirektors wird eine Einheitslösung für alle nicht funktionieren. In einem neu entstehenden Markt müssen die Teilnehmer an der Wasserstoffwirtschaft robuste, aber flexible Strategien und Geschäftsmodelle anwenden, die eine potenziell transformative Entwicklung im Rahmen der globalen Energiewende unterstützen. Eine Reihe von Ländern hat heute die Möglichkeit, ihre Ressourcen zu nutzen und mittels Wasserstoff zu dominierenden Exporteuren und Akteuren im kohlenstoffarmen Energiehandel zu werden.

Das Ausmaß des Ehrgeizes und des Erfolgs dieser Länder wird die globalen Energiesysteme in noch nie dagewesener Weise beeinflussen. Doch es bleibt laut G. Thompson die Ironie, dass die Dynamik des künftigen Welthandels mit Wasserstoff wahrscheinlich ähnlich aussehen wird wie die mit traditionellen fossilen Brennstoffen. Nordostasien, einschließlich China, und Europa werden die großen Importeure von Wasserstoff sein. Australien, der Nahe Osten und möglicherweise Russland und die USA haben das größte Potenzial, große Exporteure zu werden.