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Studie in „Nature“: Autobesitzer unterschätzen Gesamtkosten des eigenen Autos massiv 17,6 Mio. Autos könnten von den Straßen verschwinden

Autobesitzer in Deutschland unterschätzen die Gesamtkosten ihres eigenen Autos systematisch um bis zu 50 %. Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Studie von Wissenschaftlern des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung e. V., Essen, der Universität Mannheim und der Yale University, New Haven. Die von der Stiftung Mercator GmbH, Essen, geförderte Forschung erschien Ende April 2020 im Fachjournal „Nature“.

Neben dem Wertverlust werden vor allem Fixkosten wie Steuern und Versicherungen sowie Reparaturkosten unterbewertet. Mehr Transparenz zu diesen Kosten könnte die Nachfrage nach E-Autos und öffentlichem Nahverkehr sowie die Anreize zum Radfahren steigern. Dies würde eine nachhaltige Verkehrswende beschleunigen.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Die deutschen Autobesitzer unterschätzen die Gesamtkosten ihres privaten Fahrzeugs systematisch um bis zu 50 %. Dies führt dazu, dass alternative Angebote wie der öffentliche Personennahverkehr und nicht-fossil betriebene Fahrzeuge weniger attraktiv erscheinen.

Befragte bewerten die Gesamtkosten des Autobesitzes um durchschnittlich 221 Euro pro Monat zu niedrig, das sind 52 % der eigentlichen Kosten. Diejenigen, die sämtliche Kostenfaktoren berücksichtigten, schätzen diese immer noch um durchschnittlich 161 Euro beziehungsweise 35 % zu niedrig ein.

Unterschätzt werden vor allem der Wertverlust des Automobils, aber auch Fixkosten wie Steuern und Versicherungen sowie Reparaturkosten. Einzig die Kosten von Diesel oder Benzin werden von den Verbrauchern im Durchschnitt weitgehend korrekt bewertet.

Eine Hochrechnung der Forscher basierend auf vorhandenen Daten aus der Literatur ergibt, dass eine höhere Transparenz über die wahren Kosten des Autobesitzes  im Optimalfall den Pkw-Besitz in Deutschland um bis zu 37 % senken könnte. Auf diese Weise würden 17,6 Mio. Autos von den Straßen verschwinden. CO2-Emissionen von 37 Mio. t/a könnten auf diesem Wege vermieden werden – das entspräche 4,3 % der deutschen Gesamtemissionen beziehungsweise 23 % der Emissionen aus dem Transportsektor.

Gleichzeitig könnte die Nachfrage nach E-Autos um bis zu 73 % steigen. Die Nachfrage nach Bus- und Bahnverkehr könnte sich gleichzeitig um 8 % beziehungsweise 12 % erhöhen.

Die Hochrechnungen basieren auf verschiedenen Annahme-Szenarien, unter anderem zur Auswirkung von Veränderungen der Gesamtkosten des Autofahrens auf den Autobesitz. Für diese liegen bisher sehr wenige empirische Studien vor. Die Autoren können zeigen, dass auch konservativere Annahmen zu einer substanziellen Reduktion an Autos führen würden.

Es handelt sich dabei um erste Ergebnisse zu diesem Themenkomplex. Die Studienautoren sehen großen Forschungsbedarf und beschreiben viele Ansatzpunkte zur weiteren Forschung.

Viele Verbraucher würden nach Aussage von Mark A. Andor, RWI-Umweltökonom und Studienautor, eher auf E-Autos oder ÖPNV setzen, wenn sie die wahren Kosten eines konventionellen Pkw stärker berücksichtigen würden. Verbraucherschutz-Organisationen könnten gemeinsam mit staatlichen Institutionen dabei helfen, die Autobesitzer besser zu informieren. Damit ließe sich auch ohne große zusätzliche Kosten für den Staat oder die Bürger ein deutlicher Schritt in Richtung einer nachhaltigen Verkehrswende machen.

Dr. Lars Grotewold, Bereichsleiter Klimawandel der Stiftung Mercator fordert, das Verkehrssystem konsequenter als bisher an Klimaschutz und Luftreinhaltung auszurichten. Welche Faktoren beeinflussen Mobilitätsentscheidungen und welche Anreize bewirken einen Umstieg auf klimafreundliche Verkehrsmittel? Darauf müssen Antworten gefunden werden, damit die Verkehrswende gelingt. Die in der Studie gewonnen Daten können dazu einen Beitrag leisten.

Die Untersuchung ist in Zusammenarbeit mit dem Umfrageinstitut forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH, Berlin, entstanden. Genutzt wurde deren repräsentatives Panel deutscher Haushalte. Rund 5.500 Autobesitzer gaben Schätzungen zu ihren monatlichen Kosten der Pkw-Nutzung an. Die Befragungen wurden vom 23. April bis zum 12. Juni 2018 durchgeführt. Die Daten zu Autopreisen und Betriebskosten stammen unter anderem vom ADAC Allgemeiner Deutscher Automobil-Club e. V., München.